Augen- und Ohrenschmaus
von Petra Hackert
Bad Camberg-Oberselters
Sie starten mit Johann Sebastian Bach – wohltemperiertes Klavier. Präludien und Fugen für ein Tasteninstrument, dargeboten von einem A-cappella-Duo? Suba Sankaran und Dylan Bell können das – und noch mehr. Die beiden Kanadier sind das «Freeplay Duo», derzeit auf Tour in Europa und in Oberselters zu Gast.
Nomen est omen – sie spielen frei. Die Stimme singt, zischt, wird zu Schlagzeug und Trompete, während Hände, Füße, Finger sich am Sound beteiligen. Der ganze Körper wird zum Instrument.
Von Bach bis Beat
Bach zu Beginn, Saturday Night Fever zu später Stunde, dazwischen Jazziges, Popmusik, Reggae. Genial die Interpretation von Bob Marleys «Three little Birds»: Das Publikum hängt an Suba Sankarans Lippen, ihren strahlenden Augen und dem erfrischenden Songtext, «This is my message to you – don’t worry about a thing». Sorgen muss sich wahrlich keiner machen an diesem wunderschönen Abend, und warum es einem A-cappella-Duo gelingen kann, so gut wie live, aber doch eher sechsstimmig zu singen, wird auch klar: Sie zeichnen während der Performance auf. Zischlaute, Hintergrundbeats stehen bereits, dann singen beide vor den Augen und Ohren des Publikums den Background ein. Ein Tippen mit dem Fuß aufs Pedal des Aufnahmegeräts, alles wird wiederholt, es folgen die tragenden Melodien – konzentriert gemacht und voller Leichtigkeit präsentiert.
Gutes Zusammenspiel
Richtig schön wird das Zusammenspiel der beiden Profis mit der «Voice Gang», die von Ulrich Diehl geleitet wird. Hier zeigt sich, dass gleiche Interessen aufeinander stoßen, auch wenn die Musiker aus dem Taunus «nur zum Spaß» auftreten und leider – so bedauert es der Chorleiter – nicht immer so viel Zeit zum Proben haben. Aber: Dafür wird das, was sie anfassen, zu einem Ereignis.
Voller Leidenschaft
Optischer Einstieg: In Fußballfan-Klamotten erstürmen sie die Bühne, kleiner Hinweis auf den bundesligatechnisch gesehen ungünstigen Samstagabend-Termin. Dann gleich eine doppelte Liebeserklärung: «You are the new day», starteten die sieben Sängerinnen und Sänger mit dem ersten Liebeslied, dem noch ein weiteres folgen soll, bevor «Butterfly» der finnischen Gruppe Rajaton ganz und gar in die Welt der Musik und der Fantasie entführt. Glasklar Helga Goretzkos Sopran, eine Solo-Partie, die Gänsehaut macht: «You will be my lullaby, tomorrow I’ll die», singt die Gruppe vom kurzen, intensiven Leben des Schmetterlings, der, gerade geboren, die Flügel entfaltet und die Welt im Sonnenschein kennenlernt. Das Hier und Jetzt zählt – jeder schöne Augenblick ist wichtig. Davon bescheren die Musiker an diesem Abend viele. Peter Bonneik und Bruno Peuser (beide Bass), Holger Lenz (Tenor), Julia Staudt (Alt), Helga Goretzko und Britta Stegmann (beide Sopran) sowie Chorleiter Ulrich Diehl, der selbst mitsingt, sind als Gruppe stimmig, mit spannenden Soli. Unerwartet übernimmt auch Diehl diesen Part, singt mit bluesiger Reibeisenstimme, so dass es fetzt, Cab Calloways «Minnie the Moocher», sehr bekannt aus dem Film «Blues Brothers». Ohne Leidenschaft geht gar nichts. «Swing low, sweet chariot», singen die Sieben vom letzten Weg. Das Spiritual beginnt konsequent ruhig, steigert sich zu einem fast fröhlich-erfrischenden Part, lässt die Einzelstimmen zur Geltung kommen. Die beiden Bässe entfalten einen warmen, wohltuenden Klangboden. Darauf können die Solisten aufbauen. Deshalb macht es so viel Spaß, «Voice Gang» zu hören. Denn nicht nur ein lebhafter Tenor wie Holger Lenz steht im Mittelpunkt, es sind alle. Jeder kann das hören und sehen. Bravo!
© 2010 Nassauische Neue Presse

